Der letzte Wolf im Hochwald

Der letzte Wolf im Hochwald

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Begegnung mit dem letzten Wolf im Hochwald
Am 25. März 1901 starb auf der Lochenmühle bei Sensweiler im Alter von 39 Jahren Karoline Loch geb. Schuster. Ihr war es beschieden, dem letzten im Hochwald erlegten Wolf zu begegnen, ohne dass sie ihn als Wolf erkannte. Sie war in Hüttgeswasen geboren. Dort war nach der Übernahme der preußischen Verwaltung im 19. Jahrhundert eine Poststelle eingerichtet worden, die dem Verkehr der Linien Morbach‑Birkenfeld und Thalfang‑Birkenfeld diente. Hüttgeswasen war der Treffpunkt der Postwagen dieser Richtungen und zugleich auch Raststätte für Reisende. Neben dem Gasthaus Gettmann und einem Forsthaus bestand dort seit Einrichtung der Post ein weiteres Gasthaus, das die Poststelle betreute. Die ersten Inhaber der Poststation stammten aus Allenbach. Im Jahre 1837 besorgte den Postdienst Johann Peter Steuer mit seiner Ehefrau Maria Christiana Neurnann, beide aus Allenbach. Ihre 1837 geborene Tochter Maria Susanne Steuer heiratete im Jahre 1855 den Schneider Johann Friedrich Schuster aus Sensweiler, der die Poststelle übernahm. Dieser Ehe entstammt die oben erwähnte Karoline Schuster. Sie war am 31.05.1861 geboren.
Für das Jahr 1849 werden für Hüttgeswasen drei Wohnhäuser mit 18 Einwohnern erwähnt. Ihr Leben in der einsamen Waldsiedlung mag wohl recht eintönig verlaufen sein; Neuigkeiten und Nachrichten aus der nahen und weiten Welt erfuhr man nur durch die wenigen Reisenden. Vater Schuster hatte die Postlinie nach Thalfang zu befahren. Daneben betrieb man eine bescheidene Landwirtschaft, betreute die zum Wechseln der Gespanne nötigen Pferde und hatte an bestimmten Tagen der Woche Briefe nach Thranenweiher und Börfink auszutragen oder abzuholen.

Wer so in der Einsamkeit wohnte, lernte früh seine Beine gebrauchen. Das galt auch für die kleine Karoline Schuster. Ihr täglicher Schulweg nach Allenbach war fast eine Stunde lang, dazu holprig und beschwerlich. Aber in der achtjährigen Schulzeit wurde das Waldkind abgehärtet, lernte zupacken und verlor die Angst vor allem, was der Wald an Geheimnissen birgt. Mit jungen Jahren übernahm sie schon den Briefdienst nach Thranenweiher und Bärfink. Und auf diesem Wege geschah es‑. sie begegnete dem letzten Wolf des Hochwaldes. Der Winter 1878/79 war lang und hart. Rund um den Erbeskopf lag wochenlang hoher Schnee, war alles in Eis und Frost erstarrt. Und da wechselte wie in früheren Wintern mal wieder ein Wolf aus den Wäldern Lothringens über die Saar, fand Unterschlupf in den ausgedehnten Forsten im hinteren Hochwald und drang bis in den Bereich des Erbeskopfes vor. Das war lange nicht mehr vorgekommen. Aus dem Jahre 1849 berichtet Bärsch in seiner Beschreibung des Regierungsbezirks Trier: "Das Wild leidet sehr durch die Wölfe. Obgleich bedeutende Prämien auf die Erlegung dieser schädlichen Tiere ausgesetzt sind, so lassen sich solche doch nicht ausrotten, weil im Winter aus dem angrenzenden belgischen Gebiete, besonders aus den Ardennen, ganze Scharen Wölfe in den Regierungsbezirk kommen."
Das betraf aber mehr die Westeifel. Im Bereich des Erbeskopfes waren erlegt wor­den: 1834 eine Altwölfin (Förster Brenner, Einschiederhof), 1835 eine Altwölfin (Förster Harlfinger), ein Aftwolf (Oberförster Habermann). Seither war es ruhiger geworden. Und nun war es wieder unruhig im Wald. Das Wild hielt nicht mehr in den Dickungen, es brach beim geringsten verdächtigen Geräusch aus, selbst beim vertrauten Anblick von Waldarbeitern und Förstern. Man fand Reste von gerissenen Rehen und Hirschen, stieß auf eine starke fremde Fährte, die weder vom Fuchs noch vom Hunde stammte: die Unruhe im Wald konnte nur von einem eingewechselten Wolf kommen. Das gab Alarm im Forstbezirk Dhronecken. Aber noch war der Wolf nicht gesichtet. Karoline Schuster machte ihren gewohnten Postgang. Ohne daß sie etwas von dem Wolf wußte, stapfte sie mühsam durch den hohen Schnee, eingewickelt in Mantel und dicke Tücher. Da stand plötzlich seitwärts ihres Weges am Anfang einer Schneise "ein großer Hund, so groß, wie ich noch keinen gesehen habe", so berichtete sie bei der Heimkehr. Das Tier äugte einige Zeit zu der gewohnten Erscheinung des 18jährigen Mädchens herüber und verschwand dann rasch und lautlos. Karoline Schuster ahnte nicht, daß sie einem Wolf begegnet war. Ihr fiel nur auf, daß das Tier sehr groß war und sie "wiescht besehen" hatte. Besondere Angst hatte das an einsame Wege gewöhnte Mädchen nicht, auch nicht vor einem Hund, und dann ahnte sie ja auch nicht, wer vor ihr stand. Sie ging ruhig ihres Weges, und der Wolf, in der Regel als Einzelgänger vor den Menschen feige, vielleicht auch bei reichlicher Jagdbeute satt, verdrückte sich ebenso still und leise wie der einsame Wanderer, ohne ihn zu belästigen, weiterging.

Erst der Bericht der Karoline Schuster zu Hause von dem großen Hund, wie sie noch keinen gesehen hatte und der sie so böse angeschaut habe, ließ den Förster von Hüttgeswasen ahnen, das müsse der vermutete Wolf gewesen sein. Der Wolf war bestätigt, es gab jagdalarm, und am 12. Januar 1879 fiel der letzte Wolf im Hochwald unter der Kugel des Försters Teusch aus Deuselbach.

Erst hinterher wurde man sich in der Familie Schuster der Gefahr bewußt, in der die Tochter geschwebt hatte. Obwohl man aufatmen konnte, weil der Wolf erlegt war, wollte die nachträgliche Furcht vor dieser Begegnung lange nicht schwinden. Aber Leben und Dienst gingen weiter, Karoline Schuster heiratete bald darauf den aus Reil stammenden Müller Josef Loch, der seine Mühle in der Schalesbach aufgab und als Posthalter, Gastwirt und Postillion die Stelle seiner Schwiegereltern übernahm.

Auf Hüttgeswasen wurden noch zwei seiner Kinder geboren, dann brannte plötzlich sein Anwesen aus unbekannter Ursache nieder. Man gab es aber nicht auf lind baute ein neues Post‑ und Gasthaus. Als auch dieses nach zwei Jahren unerwarteten Flammen zum Opfer fiel, verließ die Familie Loch Hüttgeswasen, übernahm zunächst für kurze Zeit eine Mühle in Langweiler und dann die freigewordene Litzenburgermühle bei Sensweiler.

(Quelle : Beiträge zur Geschichte des Ortes Wirschweiler von Ernst Rudy © 1987, OG Wirschweiler)